Abenteuer Rütli Challenge 2017

Als Abenteuer wird eine Unternehmung bezeichnet, das waghalsig, interessant, faszinierend oder auch gefährlich zu sein verspricht und bei dem der Ausgang ungewiss ist.

 

Die Rütli Challenge erfüllt diese Kriterien und weicht damit schon ziemlich von üblichen Trailläufen ab.

Die wichtigsten Eckdaten:

100 Meilen rund um den Vierwaldstätter See, 10 000 Höhenmeter über Pilatus, Stanser Horn, Buochser Horn, Hinterjöchli, Rigi, Start und Ziel in Luzern, 72 Stunden Zeit, Streckenverlauf über Wanderpfade mit T3+ Abschnitten nur nach GPS-Track, 2 Anlaufstationen als Schlafstelle, ansonsten Selbstversorgung. 14 Teilnehmer.

Zu fünft reisten wir am Mittwoch, den 18.Juli an. Jürgen, Hannelores Mann fuhr und übernahm freiwillig die Rolle des Coachs für unsere zwei Zweierteams. Schon hier sei gesagt, dass er uns viel unangenehmes Drumherum abnahm.

Hannelore Huhn und Wolfgang Bantle wollten die Strecke zügig wandern, Kerstin Wurst und ich wollten wie üblich laufen und stramm wandern, sollte Laufen zu schwer werden. Für mich mit 68 Jahren kein einfaches Vorhaben.

Wir checkten in der Jugendherberge ein, besichtigten Luzern, aßen halbe Hühnchen, meldeten uns bei Micha, dem Veranstalter zum briefing und aßen abends nochmal im Lokal.

Dauersonne. Die Hitze ließ gegen Abend nach, ein Hitzegewitter folgte. So sollte es auch die nächsten Tage sein: morgens kühl, dann ansteigende Temperaturen bis 30 Grad und darüber, gegen Abend Hitzegewitter und in der Folge eine regenfreie Nacht.

 

Start Donnerstag 8.30 Uhr

Morgens brachte uns Jürgen zum Start.

Um halb Neun ging‘s los, zuerst aus der Stadt raus. Immer den Pilatus vor Augen, Luzerns Hausberg, den es als erstes über den Hintertännliweg zu bezwingen galt.  Auf teils mit Klettereinlagen versehenen Streckenabschnitten führte der Weg auf circa 2100 Meter Höhe. Mit etwa 1700 Höhenmeter auf 10 km schon gleich der erste Brocken. Erstes Problem: meiner Trinkblase fehlte am Steckkontakt des Mundstückes die Dichtung. Nach dem Prinzip der komunizierenden Röhren liefen meine 2 Liter Isodrink aus der Trinkblase, sobald das Mundstück unter den Wasserstand in der Trinkblase geriet. Beim Trinken kam mehr Luft als Wasser. In der Bergstation FrägRütli challengemüntegg kaufte ich mir sicherheitshalber gleich mal noch 2 Flaschen dazu. Ein Regenguss zwang uns zum Umziehen, ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Der Trail ging recht schnell stramm über Wiesen und durch Wald hoch. Die angegebenen Zeiten an den Wegweisern konnten wir in der Regel gut unterbieten. Nach Frägmüntegg kosteten steile Abschnitte mit T3+ Seilsicherung viel Zeit und Energie. Gut, dass es hier nicht regnete, das Wetter wurde besser. Über der Baumgrenze kamen wir in Wolken. Oben auf dem Pilatus wollte wir eigentlich  eine Pause einlegen. War etwas kurz, na ja, jetzt ging‘s wenigstens abwärts, erst über Geröll, dann über gut zu laufende Schotterwege. Gerade noch sahen wir, dass es links wieder ins waldige Gelände ging, eher kein Weg als ein Weg. An einem Stacheldraht war Schluss. Mein Adlerauge erkannte aber, dass der oberste Draht stachelfrei war, ein Indiz, dass es hier 20170720_143753weitergehen musste. Weiter auf Waldwegen, die wohl mal ein Wildschwein vor 5 Jahren gespurt hatte. Beruhigend war, dass auch der Track so weiterlief. Dann über einen Bach raus auf eine Straße, diese hoch, dann wieder laut Track links abwärts über eine Wiese zum Waldrand und dort weiter bergab, immer weiter bergab. Hinter uns verwischte eine Güllespritze alle Spuren, ein Problem für Hannelore und Wolfgang weiter hinter uns. Es war echt heiß, als wir in Alpnach einliefen, unbemerkt. Nicht ganz, Jürgen erwartete uns, übernahm meine Trinkblase, spendierte eine Runde Wasser. Schön kühl. Nun wollten wir zu Michas Verpflegungspunkt laufen. Am Ortsausgang riefen wir ihn an, wo er denn stünde. Er war schon weg, hatte aber einen Alibi-Tisch  mit Trinkflasche hinterlassen. Zwei Kilometer vorher. Zum Glück konnten wir uns in einem Migros Outlet mit Getränken eindecken. Eine Flasche ging nicht mehr rein, ich musste sie in der Hand tragen. Weiter ging es geradeaus auf einen Höhenzug zu. Ein Bach zwang uns 500 m rechts aufwärts, dann über eine Brücke und wieder zurück, eigentlich nicht so schlimm, aber, den dahinterliegenden Aufstieg zum Stanser Horn vor Augen, nicht gerade motivierend. Ich schimpfte auf die Flasche, sie wurde zum Sündenbock. Wir kannten ja die Strecke andersherum, das zog sich bis zu einem Sattel, ziemlich weit oben, ziemlich weit weg, über den es dann erst zum Stanser Horn hochging. Ein paar dunkle Wolken zogen auf aber dann wieder ab. Auf diesem Stück ging der Tag zur Neige und Kerstins Motivation ebenfalls. Lästige Bremsen trugen dazu bei. 20170720_202412-1Auf dem Sattel ging es ihr nach einem Abendspaziergang wieder besser, wir kamen wieder ins Laufen und ohne Stirnlampe fast bis zu den Metallleitern, die zum Gipfel auf 1900 Meter führten. Oben war das Lokal noch teilweise hell, aber ohne einen Menschen. Jetzt war es stockdunkle Nacht. Nix wie weiter. Dazu mussten wir eine Kuhherde vor uns hertreiben. Am Gatter blieben sie zurück und gaben die Begleitung an weiße Nachtfalter ab. Mit offenem Mund hätte man beim Laufen zu Abend essen können. Sie flogen immer zum Licht der Stirnlampen. Dann endlich der Abstieg über unendlich viele Serpentinen. Guter Dinge rechneten wir hoch. Um zwei Uhr könnten wir nach 51 km beim Strohlager in Buochs ankommen. Hier wollten wir duschen, essen und etwas schlafen.

Als die Serpentinen in Waldgebiet mündeten waren es noch etwa 2 km bis zur Zahnradstation. Von dort würden wir auf Asphalt schneller vorankommen.

Und dann der Hammer. Kerstin knickte um, setzte sich und kam nicht mehr schmerzfrei hoch. Eine Zerrung, die sich später als Wadenbeinbruch entpuppen sollte.

Ende Gelände. Aus die Maus.

Kerstin rief erst mal Micha, den Veranstalter, an. Bis zur Zahnradstation müssten wir irgendwie aus dem Gelände kommen. Nein, nicht an der Zahnradstation, sondern weiter unten im Dorf an der Kirche würde er uns abholen. Unter Schmerzen kam Kerstin nur schrittweise vorwärts, es dauerte ewig. Die Laufstöcke wurden zu Krücken. Ich trug dann ihren Laufrucksack, aber das half ihr wenig. Endlich waren wir unten an der Kirche. Nach dem Anruf bei Micha die nächste Überraschung: im Auto war nur Platz für 1 Person. Ich sollte noch 6 km nach Buochs laufen. Ich lief in absoluter Dunkelheit, es ging rauf und runter, ich kam mit dem Navigieren zum Glück gut alleine zurecht. So hatte ich richtig Zeit, mich über Micha zu ärgern. Er hätte Kerstin oben an der Zahnradstation abholen sollen. Diesen Lauf abbrechen zu müssen und dann trotzdem laufen zu müssen, ging auch nicht.

Ich wurde freundlich erwartet, hatte aber äußerst schlechte Laune. Erklärungen gab ich nicht ab, aber mein Gesicht sprach wohl Bände. Andere starteten nach dem Schlafen schon wieder. Ich duschte und zog neue Laufkleidung an. Was anderes hatte ich nicht in der Dropbag. Nach Schlafen, Essen etc stand mir nicht der Sinn. Kerstin war notversorgt und schlief nun im Stroh. Ich sinnierte vor mich hin.

Neustart

Und dann haben wir doch noch die Kurve gekriegt, darüber zu reden. Da ich nicht mitgefahren war, war ich noch im Rennen. „Warum läufst du nicht alleine weiter? „“ Kann und will ich nicht, wg Kerstin. „“Wem nützt es?“ Nach einer Phase der inneren Einkehr füllte ich meine Getränkeflaschen, checkte meine Ausrüstung …..und lief los.

Es war 6.30 Uhr, schon hell und angenehm kühl. Es sollte sehr heiss werden, ging aber lange durch Wald am Nordhang, erst nach zwei bis drei Stunden wurde es nötig, Sonnencreme einzureiben. Diese Etappe kannte ich von der anderen Seite her, wir waren die Strecke als Test von 3 Wochen gelaufen.

Wieder kam eine unklare Stelle auf einer Kuhwiese. Also, durchs Gelände, unter einem Stacheldraht durchrobben und querfeldein Richtung Bauerhof weiter oben. Dann weiter über Kuhwiesen und endlich hoch zum Buochser Horn, wieder auf 1300 Meter Höhe. Ob Hitze oder fehlender Schlaf oder kein festes Essen, ich war ziemlich fertig beim letzten Anstieg, der Abstieg war von mir nicht mehr flüssig zu laufen. Die herrliche Aussicht konnte ich nicht richtig genießen. 20170610_094859Meine Konzentration liess nach. Jetzt  müsste ich mich etwas hinlegen. Ins Gras ging nicht, zu nass, Steine sind immer zu kalt. Eine Bank im Schatten, das wäre ein Traum. Er ging in Erfüllung. Die Spende eines Klosters, unter einem Kastanienbaum. War eigentlich eher ein kurzes Abschalten, zum Schlafen bimmelten die Kuhglocken zu laut, dies übrigens auf der ganzen heutigen Strecke. Nach der kurzen Erholung, fünf bis zehn Minuten, gings wieder hoch, aber nicht wie von mir erwartet in Richtung   Briesenhaus, sondern nach Track links in steilem, steinigen Gelände Richtung Musenalpe. Dann über Wiesen. Ich wartete immer darauf, das Briesenhaus zu sehen, denn dann käme der ersehnte Pass und ein gut zu laufender Forstweg bis zur Abzweigung zum Hinterjöchli. Plötzlich erkannte ich, ich war schon an der Abzweigung angelangt, also viel weiter als angenommen. Eine motivierende Überraschung. Im Gasthof deckte ich mich  mit Getränken für den Anstieg zum höchsten Punkt des Rennens, dem Hinterjöchli, ein. „Gehörst du auch zu den Läufern?“ „Ja“ „Dann machen wir halben Preis.“ Auch mentale Unterstützung beflügelt. So setzte ich Schritt vor Schritt, musste stehenbleiben, musste weiter, und so weiter und lief dann oben auf 2150 Metern über das Hinterjöchli. Keine Pause, gleich weiter  runter nach Isleten. Das zog sich, aber nach steinig, steilen Abschnitten kam endlich der lange, lange Weg ins Tal. Hier konnte ich endlich mal wieder rennen. Da tat richtig gut und ich kam gut vorwärts. Die letzten Kilometer vor dem See führten wieder durchs Gelände, auch gab‘s mal einen Stopp an einem Gartentor. Ich musste drüberklettern. Ganz eindeutig verlief die Strecke oft nicht, aber ich kam immer wieder auf den Track. Oben am Himmel braute sich inzwischen was zusammen. Ausläufer eines heftigen Gewitterns in Luzern. Blitze blieben aus, aber heftiger Regen ging nieder. Unter einem vorstehendem Dach ein Grund zur Pause. Noch weiter unten, als ich Isenthal erreichte, kam mir Hannelore entgegen. Erst hier erfuhr ich, dass sie auf einen Kuhfladen ausgerutscht war und wg Knieproblemen abbrechen musste. Wolfgang war nun ebenfalls alleine unterwegs, etwa vier bis fünf Kilometer hinter mir. Langsam kam die Dämmerung.

Endlich erreichte ich nach 90 km den See und Micha erwartete mich am Ufer mit wichtigen Informationen. Nach etwa 20 km am See entlang sollte ich ab Flüelen auf dem Radweg nach Sisikon laufen. „Siehst du, dort drüben über dem Ort geht ein Stück des Weges auf der Schnellstrasse lang. Der Axen, ein kleiner, aber schwer zu laufender Berg, fällt wg Gewittergefahr aus. Dann, wieder auf dem track, sind es nur noch 5 km.“

Also weiter, jetzt mit Stirnlampe. Beim schnellen Start in Buochs hatte ich meine Stirnlampe dort gelassen. Gut, dass eine Ersatzstirnlampe im Laufgepäck vorgeschrieben war. Endlich raus aus den Bergen lief der halbe Marathon flach um den See so richtig gut. In Flüelen, auf der anderen Seeseite, gings gefühlt ja auch schon wieder zurück nach Luzern. Ich fand den Radweg, er führte über dem Ort auf die Schnellstraße, mit Fußgängerspur. Regen setzte ein, inzwischen war es stockdunkel, schwarzer See mit Lichtpunkten am Uferrand. Erstes Tunnel, zweites Tunnel, drittes Tunnel, es kam keine Abfahrt, kein Hinweis auf Sisikon. Ja, wie lange sollte ich den nun hier laufen? Wo gings nach Sisikon? Die Schnellstraße mit ihrer Autolichterkette reichte bis zum Horizont. Ich  rief bei Micha an, er könne ja sehen, wo ich mich befinde (alle Läufer trugen einen Tracker), wann sollte der Abweig nach Sisikon kommen? Sein Tipp: „Du musst runter zum See, dort kommst du auf den Track, der dich am See entlang bis Brunnen, der Übernachtungsstelle, führt.“ „Kommt der Weg zum See noch oder bin ich schon zu weit?“ “ Gehe zurück, bis ein Weg zum See führt.“ Ich lief an der Schnellstraße zurück, fand einen Gehweg, der zum See führte und war wieder auf dem Track. Alles ok. Links gluckerte der See, der Trail hatte alle Trailqualitäten, steinig, rauf und runter, dann nur noch rauf und ich war wieder auf der Schnellstraße. Das darf doch nicht wahr sein, 1 Stunde im Kreis gelaufen. 50 m weiter führte der richtige Weg zum See, es ging endlich durch Sisikon, dann aber nochmal in die Berge, immer höher im Regen.  In Dunkeln Batteriewechsel am GPS-Gerät, weiter ging’s.

Auch ein Hund vor einem Bauernhof, freilaufend, drohend bellend, hielt mich nicht auf. Vom Berg runter gings auf Schotter und Asphalt, hier kam ich wieder schneller vorwärts. Kurz vor Brunnen traf ich auf Wolfgang. Er war auch hinter Sisikon konsequent am Wasser geblieben, hatte somit den zweiten Berg ausgelassen und mich, während ich am Berg hing, überholt.

Gemeinsam kamen wir in Brunnen an, nun 115 km in den Beinen. Eine Scheune mit Strohlager, Duschen, Brot, Kuchen, Wasser usw erwartete uns. Frisch geduscht wollte ich etwas schlafen und nach 1 Stunde wieder geweckt werden. Ich legte mich nur auf eine Decke ins Stroh, der Schlafsack blieb unbenutzt. Sofort schlief ich ein.

Die letzten 50 km zum Ziel

Zum Ausschlafen blieb keine Zeit. Beim Packen kamen Wolfgang und ich überein, weiterhin zusammen zu laufen. Wolfgang wanderte konsequent, aber die Zeit bis zum Ziel sollte reichen, auch ohne zu rennen, also war von nun an wandern angesagt. Was sollte es nutzen, zu rennen und damit vielleicht ein Stündchen früher in Luzern anzukommen? Auch lief ich jetzt in unbekannten Dimensionen, die 100 km hatten wir schon lange hinter uns gelassen, da hieß es, Kräfte einzuteilen.

Wir mussten rechtzeitig bis  8.30 Uhr das Camp verlassen haben.  Hoch gings zum Rigi. Ein Berg? Nein, ein Massiv mit mehreren Grasgipfeln, die alle erklommen werden mussten. Immer wieder Ab- und Aufstiege. Einmal kamen wir nicht weiter über einen Gipfel, zu gefährlich. Wir mussten umkehren und einen Umweg erfragen. Erst später erfuhren wir, dass dies die Passage mit der Leiter war. Eine Passage, die wir laut Hinweis beim Briefing hätten umlaufen sollen. So ist das mit der Aufmerksamkeit.

Auf einer Alm kauften wir Getränke, es hatte mindestens 30 Grad. Dann wieder 500 m den Berg hoch, dann wieder zurück. Von zwei Wegen hatten wir ohne mit GPS zu überprüfen den bequemeren gewählt, ein Fehler. Auf einem der Gipfel wurden wir von Hannelore, Kerstin und Jürgen empfangen, eine nette Überraschung. Sie waren mit der Seilbahn heraufgekommen. Dann endlich lag der letzte Berg, Rigi Kulm, 1800 Meter hoch, vor uns. Allerdings  ging es nicht gleich hoch, sondern erst mal lange auf Asphalt den Berg runter, ganz unten über eine Brücke. Und erst dann auf der anderen Seite wieder hoch.

Wolfgang ging voran, ich musste Batterien wechseln. Dann stimmte etwas mit meinem GPS-Gerät nicht. Kein Track. Wie kann das sein? Gerade als ich die Lösung fand kam ein Anruf von Kerstin. Ihr lauft falsch! Wolfgang wollte zuerst nicht zurück, denn letztendlich käme doch irgendwo der Anstieg. Wir machten dann erst mal Pause auf einer Bank. Langsam wanderte die Sonne zum Horizont, wir waren am Fuße des letzten großen Anstiegs. Auf dem sehr, sehr steilen Schotterweg, der zur Radiostation auf dem Rigi Kulm führte, kamen wir noch bei Helligkeit und mit guter Fernsicht oben an. Alles ziemlich ausgebaut hier oben, sogar mit Bahnhof, aber um diese Tageszeit ohne Menschen. Auch hier nahmen wir uns die Zeit die herrliche Aussicht zu genießen. Weit hinten über dem See flimmerten Hitzeentladungen, da zog ein Gewitter auf. Nicht auszudenken, wenn uns das erwischen würde. Also nichts wie runter, ohne Pause, Kehre um Kehre, Steine und Geröll, daher liefen wir ohne hochzublicken. Es wurde immer dunkler. Wir liefen mit Stirnlampe. Die Blitze kamen näher, Regen setzte ein. Wiesen zeigten uns, dass wir das oberste Stück hinter uns hatten. Beinahe hätten wir es geschafft. Und dann ging es los. Blitz auf Blitz, Donner auf Donner, Regen waagerecht. Eine Hütte, ein Eingang, ein Dachüberstand. Mir musste das reichen. Nix wie drunter. Auf der Stufe stand ich nicht im Wasser, auch nach oben war ich weitgehend geschützt und der Wind pfiff hier weniger stark. Aber wo war Wolfgang? An mir vorbei war er nicht gelaufen. Aus das Gewitter weiterzog machte ich mich auf den Weg zurück und suchte ihn. In einem ausrangierten Minibagger für Bergarbeiten blitzte es auf. Drin saß Wolfgang. Er rückte etwas und zusammen warteten wir noch einige Zeit, bevor wir uns wieder auf den Weg machten. Micha war froh, als wir uns meldeten. Wir sollten nun direkt nach Küssnacht runter laufen. In der Hohlen Gasse wäre nicht nur nichts zu sehen, sondern auch mit Gewitterschäden und Windbruch zu rechnen.

In Küssnacht ist an Wochenenden nachts um 1 nichts los. Auf einer Ladentreppe rasteten wir kurz und suchen den Weg, der uns nach Luzern führen sollte.  Ich vermisste was Richtiges zu Essen, aber hier würde um diese Zeit nichts mehr zu bekommen sein. Auf dem Weg die Hauptstraße lang kam tatsächlich eine Kebap-Pizzeria-Kneipe mit Stahlrohrmöblierung, Neonbeleuchtung und laufendem Fernseher. Ich verdrückte einen richtig schönen dicken türkischer Hamburger. Drei oder vier Jugendliche waren mal drin mal draußen, nur Alex schlief mit dem Kopf auf dem Arm auf dem Tisch. Ein Kumpel quäkte ihm mit einer Puppe ins Ohr, erfolglos. Später stand Alex auf und ging wortlos. Liebeskummer? Im Fernsehen liefen Videoclips, Popdancing in Verkleidungen wie im wilden Afrika, dann mit Melonen und Gurken und Tanzen an der Decke. Ich hatte das schon mal gesehen, ich war schon mal hier. Nach und nach wirken sich fehlendes Essen und Übermüdung auf die Wahrnehmung aus. Jetzt mussten wir weiter. Nach Wolfgangs Hochrechnungen war unser Finish nicht mehr gefährdet, aber nur, wenn es zügig weiterginge. Auch mein Ziel war das Finish, aber, wenn möglich unter 70 Stunden. Die folgenden zwanzig Kilometer bis Luzern kamen mir vor wie eine Schnitzeljagd. Oft rauf, manchmal runter, viele Wiesen, manchmal Wald, mal links, mal rechts, ich verlor jede Orientierung. Aber wir blieben immer auf dem Track und erreichten bei erster Helligkeit Luzern. Überall Äste und Anschwemmungen, Spuren des Gewitters. Endlich am See kannten wir den Weg zum Ziel. An der Kapellbrücke bat ich einen Angler uns zu fotografieren. Ziel LuzernHier war unser Sieg, hier und jetzt. Jetzt noch über die Brücke laufen, einige weiteren Straßen am See entlang, dann noch ein Anstieg  und wir sahen unser Empfangskomitee. Hannelore, Kerstin, Jürgen und Micha. Das wars. Ich war zu müde für euphorische Empfindungen.

Jürgen sorgte dafür, dass Wolfgang und ich in der Jugendherberge duschen und etwas schlafen konnten. Dann wurde gepackt und wir traten die Heimfahrt an.

 

Fazit: Ein besonders schöner, aber auch extrem anstrengender Lauf. In 3 Tagen und 3 Nächten habe ich nur 1 Stunde geschlafen und kaum feste Nahrung gegessen, meist Gels oder Energieriegel. Das weitgehend autonome Laufen bedeutete eine zusätzliche mentale Belastung, die durch Kerstins Unfall nochmal gesteigert wurde.  Von

meinen bisherigen etwa 60 Ultraläufen war dieser eindeutig der Härteste.

Einen solchen Lauf laufe ich nie wieder. Aber das sage ich jedes Mal nach einem Ultra. Warten wir’s ab.