Fichtel Ultratrail 2020

Fichtel-Ultratrail
Ein langer Lauf – ein langer Bericht. Wer ihn nicht lesen will, kann ja nur die Bilder angucken.
Letzten Mittwoch lief ich den Fichtel-Ultratrail. Unbekannt? Kein Wunder. Ich hatte mir meinen eigenen Track erstellt, als Ausgleich zum Corona-Opfer Goldsteig Ultrarace.
Nur eine kennt den Track, Bernadette Obermeier läuft mit. Wer Bernadette nicht kennt: eine selbstbewusste Frau mit großer Lauf- und Lebenserfahrung. Und nett ist sie auch noch.
Ich bin einst im Fichtelgebirge aufgewachsen und habe mir nun das Ziel gesteckt, mit 71 endlich mal über alle Gipfel, etwa 12, des Fichtelgebirges zu laufen. Ein Start-Ziel-Trailrun mit Start in Wunsiedel, hoch zur Luisenburg, dann über Haber- und Burgstein zur Kösseine, Hohen Matze, Silberhaus, Seehaus, Platte, runter zum Fichtelsee, hoch auf 1000 m zum Ochsenkopf, runter nach Karches, 700 m, und wieder hoch zum Nusshardt und Schneeberg, 1076 m, Rudolphstein, Torfmoorhölle, Waldstein, Epprechtstein = etwa 12 Gipfel. 10 km abseits liegt noch der Kornberg, aber den habe ich schon in meiner Kindheit nicht als zum Fichtelgebirge zugehörig empfunden und gestrichen. Mitsamt den 30 km nach Wunsiedel zurück, sind das etwa 85 bis 90 km. Höhenmeter? Mal sehen, was zusammenkommt.
Über die Berge gibt’s genügend Hütten zur Versorgung, geöffnet bis etwa 21 Uhr. Hab‘s gegoogelt.

Am Dienstag, den 15. September fahre ich von Reutlingen nach Wunsiedel, Bernadette von Singen. Bei meiner Schwester Gerti in Wunsiedel hatten wir schon zweimal für den Goldsteig Ultrarace eine ideale Unterkunft mit netter, hilfsbereiter Gastgeberin. Das Wetter wird als perfekt vorhergesagt, so ist es dann auch: sonnig, warm, trocken.

Am Mittwoch starten wir früh um 5 Uhr bei Dunkelheit. So sind wir genau bei Sonnenaufgang auf der Luisenburg. Perfekt. Durch Europas größtes Felsenlabyrinth geht es zu den ersten Gipfeln mit tollen Granitsteinhaufen und weiter zur Kösseine mit herrlicher Aussicht über das ganze wie ein Hufeisen geschwungene Gebirge. Es wird warm wie im Sommer, aber wir sind gut mit Getränken eingedeckt.
Der Weg? Über das Gebirge vorwiegend sehr wurzelige, steinige Trails, rauf und runter. Wenig Forstwege, die dann der Entspannung dienen, so sind auch mal schnellere Kilometer möglich. Dabei kommen wir ins Reden und verpassen prompt mehrmals Abzweige wieder rein in wilde Trails.
Am Silberhaus queren wir die B 303, und wieder geht’s rein in die Berge, zur Platte, dann zum Seehaus, einer bewirtschafteten Hütte. Pause, Getränke auffüllen. Ziemlich viele Wandergäste, der Wanderparkplatz an der B 303 ist nicht sehr weit, 2 km den Berg hoch, für Normale ausreichend, sich eine deftige Mahlzeit verdient zu haben. Schon hier sind wir Exoten. Weiter zum Fichtelsee, auch hier viele Leute, also weiter und hoch zum Ochsenkopf, Es wird 13 Uhr, Zeit für ein Mittagessen. Bernadette diniert 2 Scheiben Brot mit Senf, ich 1 Paar Würstchen mit Brot. Wohlgenährt gehts nun erstmal runter zum Gasthof Karches, dann wieder auf etwa gleiche Höhe hoch. Stadtmarathonläufer würden verzweifeln. Oft kann man nicht mal bergab rennen, man riskiert, sich die Haxen zu brechen, aber wo es geht, rennen oder springen wir, das ist Trailrunning.
Das Highlight, der Schneeberg, höchster Berg des Gebirges, ist dann eher eine Enttäuschung. Flach, kahl, ein massiger Turm als Pickel drauf, das Ohr der Amerikaner in den Ostblock nach dem 2. Weltkrieg. Nun steht er leer rum.
Alle anderen Gipfel sind dagegen viel schöner, mit herrlichen Aussichten über die uralten, abgeschliffenen Berge mit rauem Nadelwaldbestand, pittoresken Felsformationen und dahingesprenkelten Dörfern im Fichtelgebirgsbecken.
Schnell weiter auf einem endlosen Forstweg zum Rudolphstein. Der Tag neigt sich. Um etwa 19.00 Uhr erreichen wir Torfmoorhölle, ein Gasthaus an einer Landstraße, sonst nichts.
Wir machen Pause und Bernadette überrascht mich mit der Feststellung, dass sie hier lieber aussteigt. Nicht ganz überraschend, ich hatte schon auf den letzten Kilometern gemerkt, dass ihr was durch den Kopf geht. Sie läuft nicht gerne in der Nacht. Sie versteht, für mich ist das ein ideeller Lauf durch die Heimat….ok….sie geht zur Straße, ich laufe weiter zum Waldstein.
Klar geht mir erst mal einiges durch den Kopf. Hätte ich auch abbrechen sollen? Bin ich egoistisch? Wie kommt Bernadette ins 17 km entfernte Wunsiedel? Das legt sich dann und wie sich später zeigt, war diese Trennung genau richtig für jeden für uns. So kann sie das Fichtelgebirge in bester Erinnerung behalten, wir rannten bisher ja immer über ausgewiesene Premiumwanderwege, die uns von Aussicht zu Aussicht geführt hatten. Es sei schon gesagt: sie kommt gut heim.
Zum Waldstein hin werde ich schneller. Ich will dort noch was sehen. Aber kurz davor geht nichts mehr ohne Stirnlampe und auf dem Waldstein ist es stockdunkel. Aber nein, oben auf dem Aussichtspunkt zeigt sich noch ein letzter roter Streifen der untergegangenen Sonne. Bingo.
Nun will auch ich zurück nach Wunsiedel, biege vom Track ab…..und kehre nach 50 m um. Der letzte Berg, der Epprechtstein, gehört zum Trail. Er würde mir immer als Abrundung meines Heimatlaufes fehlen. Das geht nicht!
Also weiter auf Trails und Waldwegen im Dunkeln, am Schild Epprechtstein vorbei, ich bin jetzt gefühlt auf dem Heimweg.
In der Dunkelheit geht es nur noch um Laufen, Laufen, Laufen, etwa 30 km. Das Wetter ist stabil und für Mitte September erstaunlich warm, bis nach Hause kann ich im T-Shirt laufen.
Den Track hatte ich absichtlich nur über kleinste Dörfer und Weiler gelegt, Großschloppen, Grub, Birk…und mit langen Passagen über Felder, durch Waldstücke und Moore. War ja ein Trailrun. Ich muss nun ganz meinem Garmin vertrauen….und dann hört mehrmals der Weg auf. Das sind keine Wanderwege mehr, diese Wege oder Pfade gibts, weil Landwirte oder Jäger sie brauchen….oder auch nicht mehr. Oft wachsen im Wald Pilze direkt auf dem Trail und ich bin gespannt, was kommt. Es wird abenteuerlich.
Einmal muss ich mich durch Unterholz kämpfen, es rieselt trockene Tannennadeln in Hals und Laufrucksack, ich will auf eine Wiese ausweichen und sehe dort noch rechtzeitig die ölig spiegelnden Pfützen des Moors,
also wieder zurück ins Unterholz. Endlich eine gerodete Fläche, der Track wird wieder ein Weg.
Dann grunzt es mal in einem Maisfeld. Ich drehe spontan den Kopf, leuchte rein, da grunzt es noch mehr. Oje, nix wie weg.
Der Weg zieht sich schier unendlich durchs Zeitelmoos, ein ausgedehntes Hochmoor mit viel Waldanteil. Helmut, allein im Wald. War nervig, aber Angst hatte ich nie.
Endlich gehts raus aus dem Wald, das Ortschild Göringsreuth kommt und 2 km weiter erreiche ich Wunsiedel. Hunderte von Menschen stehen jubelnd am Straßenrand und feuern mich an, mein Letztes zu geben…….. na ja. Immerhin sind die Straßenlampen noch an, 2:15 Uhr.
Ich komme an, dusche. Dann setze mich noch etwas auf den Balkon und bin sehr zufrieden mit mir und auch mit dem Gefühl, den schönen Teil zusammen mit Bernadette gelaufen zu sein. Sicher behält sie das Fichtelgebirge in bester Erinnerung.
Ach ja: 89 km, 3100 HM, 20 h.
Und dann noch ein Dank nach oben, dass nichts passiert ist.

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